Noch kein Abgesang
11. April 2011 von DER SONNTAG
Die Landeskirche kürzt bei den Kantoren stärker als bei Pfarrern und Gemeindepädagogen.
Dabei bleibt die Zahl der Chöre gleich – während die Gemeindegliederzahl sinkt.
Das neue Gesangbuch der sächsischen Landeskirche nennt sich »Singt von Hoffnung«. Vielen Kirchenmusikern aber fällt das gerade nicht eben leicht. Denn der Rotstift soll bei ihren Stellen ab 2014 stärker streichen als bei Pfarrern und Gemeindepädagogen. Diese beiden Berufsgruppen sollen künftig höchstens zehn Prozent weniger Stellen pro Kirchenbezirk haben, schlägt eine Arbeitsgruppe aus Synodalen und Landeskirchenamt vor. Bei den Kantoren dagegen soll das Minus bis zu 14 Prozent betragen.
»Dass gekürzt werden muss angesichts der zurückgehenden Gemeindegliederzahlen, wird niemand bestreiten«, sagt Landeskirchenmusikdirektor Markus Leidenberger. »Wir leben nicht in einem Traumschloss. Doch man kann fragen, warum bei der Kirchenmusik mehr gespart werden muss als bei anderen Verkündigungsmitarbeitern.« Zumal die Anforderungen an die Kantoren in den letzten Jahren gestiegen sind, so Leidenberger.
Das Kirchenchorwerk der Landeskirche untermauert dies mit Zahlen: Während die Zahl der Gemeindeglieder seit der letzten Strukturreform 2004 von 937 000 auf 785 000 gesunken ist, blieb die Zahl der Chöre und Kurrenden gleich. Sangen vor sieben Jahren 25 957 Menschen in den Chören und Kurrenden, waren es 2010 sogar 26 170. 47 Prozent davon sind jünger als 30 Jahre – auch diese Zahl stieg. Im gleichen Zeitraum hat sich die Zahl der Konfirmanden halbiert. Nach Erhebungen des Landeskirchenamts ist zudem die Zahl kirchenmusikalischer Veranstaltungen in den letzten zehn Jahren um zehn Prozent gestiegen.
»Diese Basisarbeit gilt es zu stärken«, schreibt der Landesobmann des Kirchenchorwerks, der Lößnitzer Kantor Jens Staude, in einem Brief an die sächsischen Synodalen. Das Werk fordert von ihnen eine Diskussion mit Kirchenmusikern aus allen Ebenen vor einer Entscheidung über die Stellenkürzungen. »Hier sollte Gemeindeentwicklung das entscheidende Argument gegenüber dem festen Personalschlüssel sein.«
Dabei ist die sächsische Landeskirche stolz auf ihren Personalschlüssel: Auf einen Pfarrer kommt bisher eine 45-Prozent-Stelle für Gemeindepädagogen und 30 Prozent für einen Kantor. Dieses sogenannte Dreigespann soll nach dem Konzept der Struktur-Arbeitsgruppe auch künftig flächendeckend erhalten bleiben.
»Doch warum gibt es mehr Mittel für Gemeindepädagogen als für Kirchenmusiker?«, fragt der Chemnitzer Kirchenmusikdirektor Siegfried Petri. »Der Normalfall wäre, dass beide gleichwertig angesehen werden. Wir wollen einen offenen und ehrlichen Dialog. Eine Berufsgruppe darf nicht von vornherein bevorzugt werden.«
Die Arbeit vieler Kirchenmusiker ist ohnehin nicht einfach: Viele unbezahlte Überstunden und oft wenig Lohn. Von den derzeit 186 Vollzeitstellen sollen künftig noch 165 übrig bleiben. Viele der heute 156 hauptamtlichen Kantoren haben jedoch nur Teilzeitanstellungen zu 70 oder 50 Prozent. Weil sich davon keine Familie ernähren lässt, fehlt es in vielen Kirchgemeinden an Bewerbern. Einen großen Teil der Orgeldienste in den Gottesdiensten, der Chor- und Instrumentalproben leisten rund 200 Kantoren mit sehr gering bezahlten Anstellungen sowie Ehrenamtliche.
»Wir Kirchenmusiker haben bisher zu wenig Lobbyarbeit gemacht«, sagt der Chemnitzer Kirchenmusikdirektor Siegfried Petri. »Das sind jetzt die Folgen.« Vor zwei Jahren hat sich deshalb in Sachsen ein Netzwerk Kirchenmusik gegründet. Es wäre einer seiner ersten Erfolge, wenn die am kommenden Wochenende tagende Synode der Landeskirche der Einrichtung eines Ausschusses für die Probleme der Kirchenmusiker zustimmt.
Im mit der Strukturanpassung soll jedoch nicht nur über Stellenkürzungen geredet werden. Vielmehr müsse auch das Berufsbild der Kirchenmusiker und ihr Arbeitsalltag thematisiert werden, heißt es in einer Erklärung des Netzwerkes: »Damit es künftig wieder möglich ist, in unserem Beruf wirklich gut zu arbeiten und zu leben.«
Andreas Roth
direkt zum Artikel
© DER SONNTAG
www.sonntag-sachsen.de
|